Von Auswegen bis Zoom

Wie das Familienzentrum Radebeul im Lockdown Familien und Senioren unterstützte

Für die Lösung schwieriger Situationen gibt es kein Patent-Rezept. Wichtig sind Offenheit, Kreativität und der Mut, Dinge einfach auszuprobieren.

Und so haben sich die Mitarbeitenden des Familienzentrums Radebeul im zweiten Lockdown vorgenommen, das Haus und die Angebote nicht einfach komplett zu schließen, sondern mit kreativen Ideen Dinge möglich zu machen.

Neben eine täglichen Mittagessen, das in mitgebrachten Behältern abgeholt werden konnte, wurden eine Menge an kreativen Ideen umgesetzt, die im Folgenden vorgestellt werden.

Den Mitarbeitenden des Familienzentrums war es in dieser schwierigen Zeit wichtig, Signale des Gelingens und der Hoffnung zu senden. Es zählte nicht das, was nicht-möglich ist, sondern was möglich zu machen ist.
Die positiven Rückmeldungen der Besucher*innen und auch in den Sozialen Netzwerken machten auch den Mitarbeitenden Mut und Freude.

ANGEBOTE FÜR FAMILIEN

Zusammen mit Familien wurde 1-2 mal im Monat gekocht. Online, versteht sich. Maria Berg-Holldack, Fachfrau für Familien und selbst Mutter von drei Kindern hatte zusammen mit ihrer Kollegin Marjana Tratsch einige Ideen, wie man mit Kindern gemeinsam kocht. Gerade in der Zeit, als die ganze Familie den gesamten Tag zuhause verbringen musste, war das gemeinsame Koch-Event eine willkommene Abwechslung. Nicht nur kulinarisch, sondern auch um mit den anderen Familien und den beiden Familienberaterinnen ins Gespräch zu kommen.
Die Familien haben sich per Mail für die Veranstaltung angemeldet und dann einen Link samt Passwort für eine Video-Übertragung live aus der Küche des Familienzentrums erhalten. Außerdem gab es im Vorfeld eine Zutatenliste.
Zusammen mit der ganzen Familie wurde live mit Maria und Marjana zusammen geschnippelt, gebrutzelt, gekocht und der Kochlöffel geschwungen und danach in Familie (dann ohne Zoom) gespeist.

Ebenfalls für diese Zielgruppe entwickelten die beiden Verantwortlichen für Familien zwei FAMI-Tauschkisten. Eine Kiste wurde vor dem Hoftor des Familienzentrums in Altkötzschenbroda, die andere in Radebeul Ost vor dem Laden von Eis-Keyl aufgestellt. In einer Zeit, als sogar die Läden und die Bibliothek geschlossen waren, konnten sich Familien so neue Spiele und Bücher besorgen. Nahm man sich etwas aus der Kiste heraus, legte man beim nächsten Mal auch wieder etwas hinein. Neben Büchern und Spielen enthielten die Kisten einen interaktiven „Sag’s mir-Umschlag“. Damit konnten die Kinder Nachrichten an das Familienzentrum übermitteln. Und als wäre das noch nicht genug, gab es darin noch Rezepte für Familien-Abendessen. Auch diese Kisten wurden rege und dankbar von den Radebeuler Familien angenommen.

Winterzeit ist immer auch Bastelzeit: Edna Ressel vom Projekt MitteOst im Radebeuler Kultur-Bahnhof entwickelte zusammen mit der Bibliothek und der Volkshochschule Basteltüten zu verschiedenen Gelegenheiten. In den Winterferien enthielten die Tüten Bastelmaterialien und eine Anleitung für Space Shuttles und Schneemänner aus Klopapierrollen sowie Waldgeister aus Stöcken. Auf der Website www.mitteost.de konnte man sich zudem Video-Anleitungen ansehen. Die Basteltüten waren so beliebt, dass in der zweiten Ferienwoche nochmal nachgepackt werden musste. Insgesamt wurden 200 dieser Tüten verteilt.
Auch in den Osterferien konnten sich Kinder neue Basteltüten abholen. Diesmal enthielten diese 150 Tüten Material und Anleitung für Osterhasen und Kresse-Ostereier.

Die Spaceshuttles wurden zudem am Faschingsdienstag live per Zoom zusammen mit angemeldeten Kindern gebastelt. Für den Faschingsdienstag hatten sich die Mitarbeitenden des Familienzentrums zudem noch eine Überraschung ausgedacht. Um nicht ganz auf das sonst übliche Theaterstück zum Faschingsfest zu verzichten, wurde dieses kurzerhand auf Video aufgenommen und ins Internet gestellt. Auch bei Facebook und Instagram konnten sich die Familien das Video ansehen.
Natürlich ist die Live-Interaktion auf diese Weise nicht möglich gewesen, aber so konnte – im wahrsten Sinn des Wortes  - ein Signal aus der FAMI gesendet werden. Erzählt wurde eine galaktische (und selbstgeschriebene!) Geschichte von drei bunten Wesen, die die Kraft der Freundschaft entdeckten. Der Film ist auf der Website noch abrufbar: https://www.familienzentrum-radebeul.de/zentrum/infos-aktuelles/raumschiff-fami

Während die Läden geschlossen waren und auch der beliebte Flohmarkt für Familien ausfallen musste, erdachten sich die Maria Berg-Holldack und Marjana Tratsch einen alternativen Flohmarkt. Wöchentlich konnten bis zu 6 Familien ihre zu verkaufenden Sachen (Kleidung und Schuhe) ausgepreist am Freitag vorbeibringen. Sie erhielten dann einen bestimmten Zahlencode, der ebenfalls auf den Preisen mit ausgewiesen wurde.
In der Folgewoche konnten dann von Montag bis Freitag in der Zeit von 9 bis 17 Uhr Familien ins Familienzentrum kommen, bekamen bei den Gastgeberinnen im Café einen Schlüssel für das Tonnen-Gewölbe und konnten dort allein die Sachen aussuchen, die sie haben wollten. Bezahlt wurde bei der Schlüsselabgabe im Café.
Es konnte sich immer nur eine Familie in der Tonne aufhalten, die Kontaktdaten der Besucher*innen wurden ebenfalls erfasst. So war ein nahezu kontaktfreier Second-Hand-Einkauf möglich.
der „Flohmarkt mal anders“ lief so erfolgreich, dass er sogar um 3 Wochen verlängert werden konnte.

Zum Glück ließen es die Bestimmungen und das Wetter in der Osterferien-Zeit zu, ein Ferienangebot für 6 bis 12jährige zu machen. Gemeinsam wurde an drei aufeinanderfolgenden Tagen an der frischen Luft gebaut (Berliner Hocker), genäht (Handytaschen), gewandert (im Tännichtgrund), Fahrradgefahren (zum Waldspielplatz), Eis gegessen und vieles mehr. Die Kinder waren nach so vielen Sozialkontakten und bei so viel Bewegung an der Luft ordentlich, wenn auch positiv geschafft.

Frau R. ist glücklich. Eben hat Marjana Tratsch vom Familienzentrum Radebeul der 82jährigen gezeigt, wie sie ihren Lieblingsmusiker André Rieu bei Youtube findet. „Das muss ich gleich meiner Freundin über Whatsapp schicken“, freut sie sich und zeigt, dass die Technikberatung des Familienzentrums Radebeul an der richtigen Stelle ansetzt.

Seit Herbst 2020 besteht dieses Angebot, das von Edna Ressel und Marjana Tratsch und inzwischen von Jürgen Becker (im Ehrenamt) als Eins-zu-eins-Beratung mit Abstand und Maske durchgeführt wird. Die Idee dazu kam dem Team des Mehrgenerationenhauses in Altkötzschenbroda mit Beginn des zweiten Lockdowns. Wieder mussten die meisten Angebote ausfallen. Erneut drohte der Kontakt zu den Senioren abzureißen. Die Idee: Online-Treffen für Begegnung und Austausch.

Der Einladung von Ines Franke, der Koordinatorin für die Senioren-Angebote, zu einer Online-Teestunde folgten neben begeisterten Zusagen allerdings auch so manche Bedenken. Die meisten betrafen die Nutzung der Technik. Auch die im Haus tätigen ehrenamtlichen Gastgeberinnen des Cafés standen einer Online-Teamrunde zum Teil skeptisch gegenüber. „Viele Senior*innen trauen sich nicht, Kinder und Enkel zu fragen. Sie fühlen sich abgehängt und haben den Anschluss verloren,“ bestätigt Edna Ressel. „Für uns ist darum eine niedrigschwellige Ansprache der Teilnehmenden wichtig. Wir holen jede Person dort ab, wo sie steht.“
Zur Beratung werden die eigene Technik und individuelle Fragen mitgebracht. Das reicht vom Einstellen der Schriftgröße über die Nutzung von Apps bis zur Teilnahme an einer Video-Konferenz. Die vielen Anglizismen sind dabei nur ein Teil der Herausforderungen. Oft fehlen schon elementare Grundkenntnisse der Technik. Kinder und Enkel sind weit weg oder haben nicht die Zeit, über das Einrichten der Technik hinaus die elementarsten Fragen zu beantworten. „Auch wir müssen die Fragen manchmal erspüren,“ berichtet Marjana Tratsch. „Aber wenn das Eis einmal gebrochen ist, dann entstehen immer wieder neue Fragen.“ Viele Teilnehmende kommen mehrmals zur Beratung, darum soll es bald einen regelmäßiger Kurs geben. 
Der Datenschutz spielt eine große Rolle: Passwörter dürfen nicht weitergegeben oder müssen im Anschluss selbständig wieder geändert werden. Auch Sicherheitsfragen werden besprochen und schaffen ein Bewusstsein dafür, welche Daten man angeben kann und was man lieber lassen sollte.

Die Beratung wird dankbar angenommen. Groß ist die Freude, wenn sich die digitalen Nebel langsam lichten.

Diese Dankbarkeit spürte auch Ines Franke in ihren Online-Teestunden. Alle zwei Wochen trafen sich im Schnitt sechs Teilnehmende. Sie kommen aus dem festen Kreis der regelmäßigen Besucher*innen des Familienzentrums und wurden von ihr per Mail oder Telefon eingeladen. Zum ersten Treffen bekamen die Interessenten einen Brief mit den Login-Daten und einer genauen Beschreibung sowie einen Teebeutel. Die (Lieblings-)Tasse samt Tee oder Kaffee ist dann schon der Einstieg ins Gespräch, das meist ein im Vorfeld festgelegtes Thema hat: da geht es um Bücher, Gedichte, Wandertipps, Rezepte, Sprichwörter. Doch: „Je länger der Lockdown dauerte, umso ernster wurden die Gespräche,“ hat Ines Franke festgestellt. „Die Trennung von Kindern und Enkeln macht traurig, die Einsamkeit und die Kontaktsperre belasten.“ Die Teilnehmenden erlebten aber auch, dass das gemeinsame Reden tröstet.

Ein wenig Trost spendete Ines Franke auch mit ihren Mails, die sie aller 1-2 Wochen an alle Seniorinnen und Senioren schickte, von denen sie eine Adresse hat. Darin gab sie Alltags-, Bücher- und Wandertipps, Hinweise zu Artikeln aus Zeitschriften u.v.m. So wollte sie Kontakt halten und ein wenig Ablenkung bringen.

Gegen die Einsamkeit gab es von ihr außerdem noch einen Spaziergang zu zweit. Einmal pro Woche für eine Stunde konnten sich Senior*innen bei ihr dafür anmelden und auf einer gemütlichen Runde mit Abstand ins Gespräch kommen. Dieses Angebot wurde in der Presse beworben und sehr dankbar angenommen.

Die Dankbarkeit für alternative Angebote bekam auch Eva Helms zu spüren. Sie berät im Familienzentrum Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen und führte online neben Schulungen auch Gesprächskreise durch. „Es ist ganz wichtig, dass ich den Kontakt zu meinen Klienten nicht verliere. Gerade die Teilnehmenden des Gesprächskreises, die erst vor kurzem die Diagnose Demenz bekommen haben, freuten sich riesig auf unsere Treffen.“ An diesen nahmen auch die Angehörigen teil, die sich dann im Anschluss bei ihr von Herzen bedankten. „Ich habe gestern direkt über meinen Mann gestaunt. Sooo rege hat er ewige Zeiten nicht an einer Runde teilgenommen“, heißt es in einer Mail.  Normalerweise sind die Angehörigen bei den anderthalb- bis zweistündigen Treffen nicht dabei, sicherten aber bei den digitalen Angeboten die Technik-Betreuung ab. So konnten sie erleben, was sich Eva Helms für diese Runden ausgedacht hatte. Inhaltlich glichen sie den sonst analogen Treffen: nach dem Ankommen gibt es stärkende Übungen, Spiele und Gedächtnistraining. Im Nachhinein verschickte sie eine Präsentation als Mail. Wenn ein Treffen ausfallen musste, enthielten die Mails auch Aufgaben, die selbständig zuhause geübt werden konnten. In der Zwischenzeit hielt Eva Helms auch über regelmäßige Telefonate den Kontakt.

„Die Technik wird nach einer kurzen Einführung am Anfang von allen inzwischen souverän genutzt,“ hat Eva Helms beobachtet. „Besonders beliebt ist das Klatschen-Symbol bei Zoom. Davon sind alle richtig begeistert.“

Die Beratungs- und Vermittlungsstelle für Kindertagespflege arbeitet eng mit den Tagesmüttern und Tagesvätern unserer Partnerkommunen zusammen und hielt hier den Kontakt über Online-Treffen. Erstaunt beobachteten die beiden Fachberaterinnen, dass die Teilnahme an den regelmäßigen Austausch-Runden online reger war als wenn sie in Präsenz stattfinden. Die Tagesmütter und -väter konnten sich so mit einem kleineren Zeit- und ohne Fahrtaufwand an den Runden beteiligen. Auch in Zukunft sollen einige dieser Angebote darum online oder wenigstens hybrid (also in Präsenz und online) stattfinden.
Die Fortbildungen mussten zum Teil pausieren, zum Teil konnten auch diese online durchgeführt werden.

Als Anlaufpunkt für Eltern und ihre Kinder hinsichtlich einer Betreuung in Kindertagespflege konnten die Beratungen mit Abstand und Maske sowie einer Plexiglas-Trennwand dennoch stattfinden.